Einsatzhäfen

Von den Fliegerhorsten grundsätzlich zu unterscheiden sind die Einsatzhäfen. Während Fliegerhorste als ständige Friedensstandorte für Einsatzverbände, Schulen oder Versorgungseinrichtungen im Frieden voll ausgebaut und belegt waren, wurden Einsatzhäfen für die Verwendung im Alarm- oder Kriegsfall vorbereitet. Eine Nutzung im Frieden fand nur gelegentlich - z.B. im Rahmen von Übungen - statt. Ansonsten waren die Einsatzhäfen als landwirtschaftliche Güter zu tarnen. Die Konzeption und die Errichtung erster Einsatzhäfen begann bereits 1935.

Wie üblich gab es auch von dieser Regel Ausnahmen. So wurden auch Verkehrsflughäfen nach Kriegsbeginn als Einsatzhafen genutzt. Einsatzhäfen konnten im Verlauf des Krieges einen beträchtlichen Ausbau erfahren, der über den des zugehörigen Fliegerhorstes hinaus ging. Sie wurden z. B. mit befestigten Startbahnen, Hallen etc. versehen. Beispiel: Der Fliegerhorst Jever erhielt nie eine befestigte Startbahn. Die umliegenden Einsatzhäfen Marx, Wittmund und Varel erhielten jedoch befestigte Bahnen in Triangel- Form.

Wie sah nun ein typischer Einsatzhafen aus? Grundsätzlich wurde unterschieden zwischen Einsatzhäfen I. und II. Ordnung. Beide sollten so dimensioniert werden, dass sie eine vollständige fliegende Gruppe mit drei Staffeln aufnehmen konnten. So sah eine Anweisung zur Ausstattung von E-Häfen (der I. Ordnung) vom 06.02.1937 vor, dass ein Platz in Vollbelegung 600 Mann und 100 Fahrzeuge aufnehmen können muß. Diese Anweisung enthielt Details zu der geforderten Ausstattung einen E-Hafens der I. Ordnung. Jeder Platz der diese Ausstattung - aus welchen Gründen auch immer - nicht aufwies, galt als E-Hafen der II. Ordnung. Verantwortlich für die Anlage der Einsatzhäfen war die zuständige Luftgaukommando mt seiner Bauabteilung. Nach Fertigstellung eines Einsatzhafens gingen die Zuständigkeiten an den zuständigen "Leithorst" (siehe Fliegerhorste) über. Dieser hatte nun die Aufgabe, die ständige Einsatzbereitschaft der ihm zugewiesenen Einsatzhäfen zu gewährleisten und alle notwendigen Maßnahmen zur Inbetriebnahme im Alarmfall in im Alarmkalender mitzuführen. Zur Herstellung der umgehenden Einsatzbereitschaft standen den Leithorsten sogenannte "E-Hafen- Stämme" als ständiges Personal zur Verfügung. Dieses Personal wurde durch Mob- beorderte Soldaten und Zivilisten verstärkt. Materielle Ergänzungen waren ebenfalls durch die Beorderung von - z. B. - Kfz vorgesehen.

Die wichtigsten Elemente eines Einsatzhafens

Die genannte E-Hafen Anweisung wurde mit Weisung vom 10. Juni 1938 noch einmal erweitert. Zusammen führen beide folgende wesentlichen Ausstattungselemente auf:

1) Ein Rollfeld von mindestens 1.000 x 1.000 m mit einer blindlandefähigen Einflugschneise (also frei von Hindernissen)

2) Heranführen der nächsten Straße (sofern der Platz nicht bereits an einer Straße liegt)

3) Eisenbahnanschluß oder Absetzrampen (sog. Culemeyer- Rampen) für auf Strassenrollern herangeführte Eisenbahnwaggons

4) Anschluß des Platzes an das nächste Stromnetz samt Aufstellung eines Transformators sowie Fernmeldeanbindungen

5) Verlegung von 3 Feldtankleitungen mit 27 Füllstellen. Gefordert war auch ein Tankraum von 300.000 l

6) Unterbringungsmöglichkeiten für 600 Mann plus StAN- mäßig zustehendes Gerät

7) Erstellung oder Anmietung eines Gehöfts für den Platzlandwirt

8) Anschluß an die Wasserversorgung - entweder über Anschluß an bestehende Wasserleitungen oder Bohren von Brunnen

9) Anlegen von Munitionsbunkern

Später kamen - schon aus Gründen der Zweckmäßigkeit - weitere Elemente, wie z. B. Löschwasserzisternen oder Flugzeugabstellboxen, hinzu.

Bei einer Reihe von früheren Einsatzhäfen sind die aufgeführten Ausstattungselemente noch heute teilweise identifizierbar. Sie sollen im Folgenden näher betrachtet werden.

Das Flugfeld

Das Fluggelände war teilweise nicht durch den Staat gekauft sondern nur angepachtet. Das bedeutete, daß das Flugfeld nach dem Krieg automatisch an die ursprünglichen Besitzer zurückfiel. Aus Gründen der Tarnung wurde das Flugfeld als Weide genutzt. Entweder mähten ortsansäßige Landwirte die Grünflächen in regelmäßigen Abständen, oder angelegte Schäfereien sorgten für eine ständig kurze Grasnarbe. Zum Erreichen der geforderten Mindestrollstecke von 1000 m war es teilweise erforderlich bestehende Straßenverläufe so zu ändern, dass sie das Rollfeld nicht durchschnitten. Diese geänderten Verläufe sind noch heute teilweise erkennbar. Es war jedoch nicht gefordert ein vollkommen ebenes Rollfeld vorzuhalten, so dass Geländeebnungen nur in begrenztem Umfang erforderlich waren.

Das "Luftwaffengut" oder "Gehöft des Platzlandwirtes"

Auf allen Einsatzhäfen der I. Ordnung entstand ein sogenanntes "Luftwaffengut". Die Ausstattung dieser Güter mit Gebäuden und ihre Anlage/Ausrichtung weist starke Merkmale der Standardisierung auf. So können Luftwaffengüter auch heute noch leicht erkannt werden, so weit sie noch bestehen. Es ist bezeichnend, dass sich der Baustil der Gebäude an lokale Bautraditionen anschloß, unter Verwendung auch lokaler Baustoffe. Gebäude wurden nur im Umfang normaler landwirtschaftlicher Betriebe vorgehalten. Ergänzende Gebäude wurden als Baracken ausgeführt, die zusammengelegt auf dem Gut vorgehalten werden sollten. Typische Gebäude sind:

- Kommandantur- Haus, in Friedenszeiten Wohhaus des Platzlandwirtes, der nach Alarmauslösung das Haus zu räumen hatte. Es unterschied sich von der Größe her nicht wesentlich von einem normalen landwirtschaftlichen Wohngebäude. Es war in der Regel als einziges Gebäude unterkellert. Nach überlieferten Informationen soll sich im Keller u. a. auch die Telefonvermittlung des Einsatzhafens befunden haben. Die Fotos unten zeigen drei Wohnhäuser die sich - trotz großer Ähnlichkeit - doch in Details unterscheiden.

- Scheune. Die Scheune stellte das größte Gebäude eines Einsatzhafens dar. Es diente u.a. der Einlagerung von Material, das zur Mobilmachung vorgehalten war, wie z. B. zusammengelegte Baracken. Der geräumige Dachboden sollte als Unterkunft für eine gößere Anzahl von Soldaten dienen. Es war auch vorgesehen, die Scheune im Alarmfall als "Werft" zu nutzen.

- Gerätelager. Hier stellte der Platzlandwirt seine Gerätschaften unter, darüber hinaus aber auch Gerät für den Flugbetrieb selber, wie z. B. Feuerlöschgerät.

- Stallgebäude/Ochsenstall. Ein unverzichtbares Element jedes Einsatzhafens ist der Ochsenstall. Der Platzlandwirt nutze Zugochsen als Arbeitstiere auf dem Hof. Nach Belegung des Platzes mit Flugzeugen wurden Ochsen auch zum Schleppen von Flugezeugen genutzt.

Abb. 1: Haus des Platzlandwirtes Großostheim (nach dem Krieg gesprengt)
Abb. 2: Haus des Platzlandwirtes Biblis
Abb. 3: Haus des Platzlandwirtes sowie Gerätelager (vermutlich Zellhausen)
Abb. 4: Beide Gebäude aus anderer Perspektive
Abb. 5: Seligenstadt - Stallgebäude und massive gebaute Scheune (im Hintergrund)
Abb. 6: Biblis: Die große Scheune - hier als Fachwerkbau
Abb. 7: Detail der Scheune in Biblis
Abb. 8: Ju 86 auf unbekanntem Einsatzhafen

Natürlich verbot sich bei einer derartigen Konzeption der Bau von Flugzeughallen oder die Anlage von betonierten Vorfeldern. Ansonsten wäre die Tarnung "aufgeflogen". Diese wurden bei Bedarf wärend des Krieges in vielfältiger Form errichtet. Zunächst erfolgte nach der Belegung des Platzes mit einem Verband die Wartung und Reparatur von Flugzeugen jedoch in Wartungszelten oder in der Scheune. Weitere Unterkunftsmöglichkeiten oder Betreuungseinrichtungen wie Küche oder sanitäre Anlagen wurden nach Belegung des Platzes mittels der eingelagerten Baracken und vorgehaltenen oder im Zuge der Belegeung mitgeführten Gerätschaften (Feldküche etc.) gewährleistet.

Abb. 9: Errichtung einer Weft auf Einsatzhafen Eutingen Abb. 10: Wartungszelt auf einem unbekannten Einsatzhafen. Beachte hinten rechts den Güterwaggon auf Anschlußgleis

Die vier aufgeführten Standard- Gebäude wurden bei Bedarf noch um weitere kleinere Nebengebäude ergänzt. Die Anlage der Gebäuse des Luftwaffengutes erfolgte entweder in einem geschlossenen vierseitigen Caree oder um einen dem Flugfeld gegenüber offenen Innenhof.

Die Verkehrsanbindung: Strassen- und Bahnanschluß

Eine wesentliche Voraussetzung für die Anlage eines Einsatzhafens war eine gute Strassenanbindung sowie ausreichende Abstellflächen für bis zu 100 Fahrzeugen. Darüber hinaus war das Vorhandensein eines Bahnanschlusses eine der Hauptforderungen an die Anlage eines Einsatzhafens. Hier muß man sich vor Augen führen, dass die damaligen Straßenverhältnisse keinen Transport großer Mengen von Gütern - wie z. B. Treibstoff - über längere Strecken zuließen. Daher spielte der Bahntransport eine ungleich größere Rolle als heute. Idealerweise sollte der Bahnanschluß nicht nur das Platzgelände erreichen, sondern auch teilweise Umschließen, um eine Anlieferung von Gütern zu allen Teilen des Platzes zu erleichtern (siehe auch Abb. 10).

"Einsatzhäfen II. Ordnung" verfügten in der Regel über keinen eigenen Eisenbahnanschluß. Um die materielle Versorgung des Platzes - z. B. mit Treibstoff - sicherstellen zu können, wurden stattdessen Eisenbahnwaggons mittels der sogenannten "Culemeyer"- Strassenroller zugeführt. Das bedeutete, daß Eisenbahnwaggons auf einem in der Nähe gelegenen Bahnhof auf Culemeyer- Fahrzeuge verladen und per Strassentransport an den Flugplatz gebracht wurden. Dort erfolgte die Entladung an einer oder mehrerer sog. "Culemeyer- Rampen" (siehe Abb. 11). Unter Umständen verfügte der Platz noch über kurze Gleisstücke, auf denen die Eisenbahnwaggons rangiert werden konnten. Eine Illustration der Culemeyer- Transporte bietet die "Merzhausen"- Seite.

Abb. 11: Bad Schussenried: Betankung einer He 111 mittels Feldtankleitungen direkt aus einem Kesselwagen. Beachte: Kesselwagen steht auf einer Culemeyer- Rampe!! Abb. 12: Bad Schussenried: Detail der Feldbetankung

Tankanlagen

Der zügigen Betankung von Flugzeugen kam natürlicherweise eine große Bedeutung zu. Deshalb wurde schon bei der ersten Planung von Einsatzhäfen eine Betankung über Feldtankleitungen mit einer bestimmten Anzahl von Zapfstellen vorgesehen. Trotzdem wird auch die Betankung mittels Tankwagen stattgefunden haben. Die Betankung über die Tankleitungen erfolgte zunächst direkt aus den bereitgestellten Treibstoffwaggons der Reichsbahn heraus. Eine Reihe von Einsatzhäfen verfügten auch über die oben angesprochenen Treibstofftanks.

Munitionsbunker

Ein weiterer Standard der Einsatzhäfen war die Errichtung von oberirdischen Bunkern in der Nähe der Plätze. In diesen Bunkern wurde zusätzliches Material für den Einsatzhafen - nach Auslösen der Alarmmierung auch Munition - gelagert. Derartige Bunker sind heute noch verschiedentlich zu finden obwohl sie im Regelfall nach Ende des Krieges gesprengt wurden. Sie wurden, je nach örtlichen Gegebenheiten, an einem kurzen Rundweg, der "Bunkerschleife" oder linear an einem Stichweg, in einem Waldstück oder auf freier Fläche, errichtet.

Abb. 13: Munitionsbunker des Einsatzhafens Gahro Abb. 14: Und zum Schluß: Zugochsen bereit zum Flugzeugschlepp

Fotos:

Abb. 11 und 12: Walter Hermanutz

Abb. 13: Wolfgang Musil

Alle weiteren Fotos: Verfasser


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